Richard Maxein - Messer & Outdoor

Messerklingen

Hallo, hier möchte ich Euch etwas zu verschiedenen Klingenformen und Anschliffen erzählen.
 


Inhalt:


Bestandteile eines Messers

 

KL = Klingenlänge (so misst der Gesetzgeber, wichtig für den §42a)
GL = Grifflänge
ML = Messerlänge
KT = Klingentiefe
1 = Klinge, 2 = Primärphase, 3 = Sekundärphase (Abzugsphase), 4 = Fehlschärfe (Ricasso), 5 = Schleifkerbe, 6 = falsche Schneide, 7 = Erl/Angel (hier Spitzerl, verdeckt), 8 = Knebel (hier mit Fingerschutz), 9 = Griff (Heft), 10 = Knauf, 11 = Fangriemenöse


Klingenformen


Normale Spitze

Liegt die Spitze einer Messerklinge genau auf der höhe des Rückens spricht man von einer normalen Klinge oder normalen Spitzen. Eben nichts besonderes. Sonderformen sind das japanische Tanto z.B. bei einem Katana (Samuraischwert) und das Amerikanische Tanto (z.B. beim Bundeswehrmesser KM 2000 von Eickhorn) Das Bild hier zeigt eine Spitze eines typischen finnischen Arbeitsmessers.


Drop-Point

Dabei ist der Klingenrücken an der Spitze bauchig zur Schneide hingezogen. Sie liegt auf Mitte der Klingenhöhe oder darüber. Das macht die Spitze kontrollierbarer und trotzdem noch recht stabil.


Clip-Point

Hier ist die Spitze gradlinig oder konkav zur Schneide hingezogen. Sollte sie konkav zur Schneide hingezogen sein bezeichnet man sie auch als Hecht-, Entenschnabel- oder Bowieklinge. Dadurch wird die Spitze wieder kontrollierbarer. Zudem wird sie recht "spitz". Nachteil ist, dass sie dadurch an Stabilität verliert. Die Klinge auf dem Bild besitzt zusätzlich auf der Oberseite der Spitze eine falsche Schneide.




Spear-Point

Eine besondere Form der Drop-Point-Klinge. Die Spitze liegt genau in der Mitte der Klinge und Klingenrücken und Schneide verlaufen achsensymmetrisch zu Klingenmitte. Daher wird sie auf deutsch als Speerspitze oder Mittelspitze bezeichnet. Das ist der größte Kompromiss aus Stabilität und Kontrollierbarkeit und bei vielen Taschenmessern zu finden. Bei Dolchen sind oft beide Seiten scharf geschliffen.




Sheepfoot

Bei Schafsfußklingen ist der Klingenrücken komplett bis zu Schneide heruntergezogen. Dadurch ist die Schneide ganz gerade. Die Klingenspitze liegt ganz unten und ist so am besten kontrollierbar kann aber auch leichter abbrechen und verschleißt schneller. Solche Klingen haben oft Arbeitsmesser zum Beschneiden von Horn, Hufen oder Pflanzen, Ledermesser, Teppischmesser, Schälmesser etc..


Skinner

Abhäutemesser, die Schneide verläuft sehr bauchig. Die Spitze ist im Gegensatz zur Schaffußklinge komplett nach oben gezogen und liegt über dem Klingenrücken. So dass ein Teil des Klingenrückens nach oben gebogen ist. Dadurch ergibt sich eine lange Schneide mit viel Bauch um das Wild mit langen Zugschnitten abhäuten zu können. Üblich ist aber auch eine abgerundete Spitze oder eine Drop-Point-Form um beim Abhäuten das Fell nicht zu beschätigen. Hier kommt es oft darauf an für welche Tiere das Messer bestimmt ist.


Recurve


Bei einer Recurve-Klinge ist die Schneide konkav ausgeführt. Das macht man eigentlich um die Schneidkante zu verlängern oder um z.B. rundes Holz besser bearbeiten zu können. Bei den meisten Messern ist es aber nicht mehr als Optik. Ich rate immer von solchen Messern ab, da sie nur mit dem Diamantstab oder sehr schmalen Steinen geschliffen werden können.


Anschliff

Der Anschliff der Klinge hat großen Einfluss auf die Schneideigenschaften der Klinge. Fast alle Anschliffarten bestehen aus Primär- und Sekundärphase. Zunächst wird an der Klinge die Primärphase angebracht. Sie verläuft i.d.R. über den Großteil der Klingenhöhe und ist im Winkel zwischen 2° und 10° geschliffen. Sie ist flach (Flachschliff), konvex (balliger Schliff) oder konkav (Hohlschliff) geschliffen. Dann folgt an der Schneidkante, die Sekundärphase, auch Abzugsphase oder Schneidphase genannt. Sie ist nur bis zu 2 mm schmal und im Winkel zwischen ca. 16° und 60° geschliffen. Einzige Ausnahmen sind Skandischliff und Dünnschliff. Sie besitzen keine Sekundärfase und sind immer flach geschliffen.


Hohlschliff


Der Hohlschliff sorgt dafür dass das Messer für Feinarbeiten sehr gut geeignet ist, dafür verlieren Klinge und Schneide an Stabilität. Zudem ist er mit einem Wasserschleifstein nur schwer zu schleifen.

 

Balliger Schliff

Das Gegenteil vom Hohlschliff ist eine bauchig geschliffene Klinge. Dieser Schliff gibt Stabilität und eine erhöhte Spaltwirkung im Holz. Die Fähigkeit für Feinarbeiten lässt jedoch deutlich nach. Die meisten Beile und Äxte sind z.B. so geschliffen, aber auch viele große Messer. Das Schleifen auf einem Wasserschleifstein ist ebenfalls schwer. Auch hier nutze ich ein Mousepad und Wasserschleifpapier.
 

Flachschliff

Der Flachschliff ist ein Kompromiss aus den Beiden. Dabei sind die Seiten wie ein V oder Keil gradlinig, also flach zur Abzugsphase hin geschliffen. Der Schliff reicht oft bis zum Klingenrücken, also über die gesamte Klingentiefe oder bis kurz darunter. Er ist relativ einfach auch auf Wasserschleifsteinen zu schleifen.
 

Skandi-Schliff


Er unterscheidet sich maßgeblich von allen üblichen Schliffformen da er keine Abzugsphase besitzt. Wie beim Flachschliff ist die Primärphase geradlinig geschliffen. Reicht aber hier direkt von der Schneidkante bis zu etwa 1/3 der Klingenhöhe. Maximal bis zur Hälfte. Dadurch ergibt sich ein relativ steiler Winkel der die Abzugsphase hinfällig macht aber noch flach genug ist für gute Schnittergebnisse. Er hat auch eine spaltende Wirkung. Herausgebildet hat er sich durch die Lappen und Samen als idealer Schliff für Holz und Fleisch. Er ist mein erklärter Lieblingsschliff da er folgende Vorteile bietet:

  • Keine zwei Phasen. Die Klinge kann mit der vollen Phasenbreite auf den Wasserschleifstein gelegt und geschliffen werden, sehr einfach.
  • Da ½ bis 2/3 der Klingenhöhe nicht geschliffen werden bleibt viel Material in voller Klingenstärke und die Klinge somit besonders robust.
  • Stabile aber bissige Schneide.

 

Dünnschliff


Dabei handelt es sich um einen traditionellen Solinger Flachschliff für Taschen- und Küchenmesser. Hier ist ebenfalls keine Abzugsphase mehr vorhanden. Der Flachschliff reicht über die komplette Klingenhöhe direkt bis zur Schneide. Sehr einfach zu schleifen da die gesamte Klinge auf den Stein gelegt werden kann. Etwas unschön ist nur, dass dadurch auch die gesamte Klinge Schleifspuren bekommt.

 


Wellenschliff / Sägeschliff


Bei allen Klingen kann man bei Wunsch einen Wellenschliff anbringen. Dabei werden Wellen oder runde Zacken aus der Schneide geschliffen. Dies macht man aber normal nur mit einem kleinen Bereich der Klinge, meist dicht am Griff. Der Vorteil ist hier dass der scharf geschliffene Wellengrund bei normaler Schneidtätigkeit langsamer verschleißt und so länger scharf bleibt. Hauptargument vieler Nutzer der Survival-Scene. Daher haben viele "Überlebensmesser" so etwas. Die Spitzen der Wellen beißen sich beim Arbeiten fest ins Schneidgut. Dadurch verschleißen sie schneller und werden schneller Stumpf als eine glatte Schneide. Hauptvorteil und Aufgabe des Wellenschliffs ist es i.d.R, dass man damit besonders gut Schnüre, Seile, (Paket-)bänder, Gummischläuche durchtrennen kann. Für die Bearbeitung von Holz sind sie eher weniger geeignet, da stören sie mehr. Der Wellenschliff wird i.d.R. nur von einer Seite an die Klinge angebracht. So das es z.B. beim Schnitzen darauf ankommt mit welcher Hand man das Messer führt. Außerdem sind sie nur mit speziellen kleinen Rundfeilen oder runden Diamantstäben nachschleifbar. Auch wenn der Wellengrund länger scharf bleibt, irgendwann ist er Stumpf und der Wellenschliff völlig unbrachbar. Daher sollte man sich zuvor gut überlegen ob man ihn wirklich braucht. Bei den meisten modernen Kampf-, Outdoor- und Survivalmessern kann man zwischen glatter Klinge und Wellenschliff wählen. So z.B. auch bei den großen Taschenmessern von Victorinox und Wenger.



Erl-/Angeltypen

Jede Klinge muss auch mit dem Griff (dem Heft) verbunden werden. Bei den meisten Klingen ist diese Angel, oder auch Erl, aus demselben Stück Stahl wie die Klinge. Nur bei sehr billigen oder schlechten Klingen ist die Angel aus einem anderen Stück Stahl und angeschweißt.

Flacherl / Flachangel

Im Grunde die einfachste Form des Messers. Die Angel besitzt dieselbe Tiefe wie die Klinge. Backen und Griffschalen werden seitlich angeklebt und/oder vernietet. Diese Messer sind mit die stabilsten Typen die es gibt. Am Übergang zwischen Klingenwurzel und Griff, dem am höchsten beanspruchten Bereich, können die Spannungen frei fließen. Der Flacherl kann beispielsweise später noch runderhum zwischen den Grifbacken zu sehen sein wie beim Puma IP Catamount und Böker Arbolito El Trampero oder auch vom Griffmaterial vollkommen umhüllt sein. Das bezeichnet man es als versteckten Flacherl wie beim Linder ATS-34 Super Edge 3, siehe hier.

Halbintegral

Dies sind Flachangel-messer bei denen auch die Backen aus
demselben Stück Stahl sind. Dies kann unter Umständen die Stabilität des Messers erhöhen, gerade um Kräfte die Seitlich auf die Klinge wirken an der Klingenwurzel abzufangen.. Aber nur wenn der Übergang von Klingenwurzel zu Backen rundherum fließend, also mit kleinen Radien, ausgeführt ist. Ist dieser Übergang  scharfkantig können dort feine Haarrisse entstehen und die Klinge später genau dort brechen. Achtet beim Kauf darauf.

Vollintegralmesser

Zusätzlich zu den Backen ist auch der Knauf aus einem Stück Stahl. Es sind also Klinge, Backen, Angel und Knauf aus demselben Stück Stahl. Diesen Messern wird oft die größte Robustheit nachgesagt. Tatsächlich ist das aber Quatsch. Ob die Backen zur Stabilität beitragen oder nicht hängt von den zuvor beschriebenen Faktoren ab. Der Knauf hinten ist nur zum Schlagen gut. Auf die Robustheit des Messers hat der Knauf aber keinen Einfluss, erhöht aber natürlich das Gewicht und es besteht die Gefahr dass das Messer später Grifflastig wird. Siehe das Böker Vollintegral Amboina.

Spitzerl

Bei Spitzerlklingen ist der Erl hinten viel schmaler ausgeführt. D.h. der Erl besitzt nicht die
volle Klingentiefe. Zusätzlich verjüngt sich meist der Erl nach hinten hin. Dies macht auch in sofern Sinn da die Beanspruchung von der Klingenwurzel nach hinten hin immer geringer wird wenn man den Griff richtig benutzt, also vorne anfasst.  D.h. trotz geringeren Querschnitts wird die Spannung im Metall nicht größer. Dieser Erl geht oft durch den gesamten Griff und wird hinten vernietet, von einer Platte oder Endkappe abgedeckt oder verschwindet im Knauf. Die Konstruktion ist außer für ganz grobes Arbeiten (Hebeln oder schweres Holzspalten) stabil genug und hat zugleich den Vorteil sehr leicht zu sein. Durch das geringe Gewicht des Erls kann der Griff selber Voluminöser werden ohne dass das Messer Grifflastig wird. Wichtig ist, dass der Übergang von Klinge zum Erl ebenfalls nicht scharfkantig ist damit die Spannungen ungehindert "fließen" können. Scharfe Kanten mögen sie garnicht und es könnten auch hier feine Haarrisse entstehen. Dies kann man aber leider beim gekauften Serienmesser nicht mehr sehen, allerdings gibt es Messerhersteller wie zb. Karesuandukniven, Helle, Mora of Sweden... deren Klingen man kaufen kann und da kann man sehen wie die Übergänge ausgeführt sind. Siehe z.B. mein Messer Nr.8 "Doro"oder Nr.9 "Oma".

Steckangel

Dies ist im Grunde ein gekürzter Spitzerl. Der Erl reicht nicht durch den gesamten Griff. Bei einem Outdoormesser sollte dieser mindestens die Hälfte derKlingenlänge tief in den Griff ragen, also bis etwa Griffmitte. Noch sicherer wird diese Konstruktion durch Quernieten die verhindern, dass sich das Heft vom Erl lösen kann. Diese sind aber nur dann empfehlenswert wenn der Erl sehr tief ist. Bei einem Erl wie auf dem oberen Bild, lang und schmall, würde der Niet den Querschnitt des Erls stark schwächen. Der Erl wäre nur noch bis zur Niet stabil, die Bruchgefahr des Erls wäre deutlich erhöht. Siehe die Messer von Mora und Marttiini. Das Foto zeigt die Klinge meines Messers Fisch.
 

Beispiel

Eickhorn Pointer vom  Messer-Designer Allen Elishewitz. Flachangelmesser aus AISI 440A mit aufgeschraubten Holzschalen.  Die Klingenspitze besitzt eine Drop-Point-Form mit falscher Schneide, die Schneide hat einen deutlichen Recurve. Die Primärfase ist als Hohlschliff ausgeführt.



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Stand 10/2016


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